14.7.14

Der Botschafter des Papstes steigt im Pfarrhaus ab

Heute ist der Gesandte des Heiligen Stuhls in Baden eingetroffen. Domenico Passionei (32) lässt sich von seinem Bruder Francesco begleiten. Der Geistliche und Doktor der Philosophie und beider Rechte ist gräflicher Herkunft und weiss sich unter Diplomaten zu bewegen. Dies hat er schon auf dem Friedenskongress in Utrecht bewiesen. Er hätte eigentlich im Kloster Wettingen standesgemässe Unterkunft nehmen sollen, doch das ist dem begabten Netzwerker zu weit vom Geschehen entfernt: Er begnügt sich mit einer Kammer im Badener Pfarrhaus, um nahe am Puls des Kongresses zu sein. Das ist sicherlich auch der Grund, warum die meisten Gesandten in der Stadt und nicht in den Bädern logieren.

13.7.14

Klosterführung in Wettingen und Spiessrutenlauf in der Kronengasse

Graf von Seilern fährt morgens um acht Uhr mit dem kaiserlichen Geheimsekretär Penterriedter zum Kloster Wettingen. Abt Franz Baumgartner (62) und der Pater Prior führen die beiden durch das Kloster, bevor der Konvent zu Ehren der kaiserlichen Gäste ein Hochamt mit Musikbegleitung feiert.

Zurück an der Mittagstafel, die von Seilern im Roten Turm wiederum mit mehreren Gästen teilt, erscheint ein Leutnant im Speisezimmer. Ein Soldat der Garnison habe eine Badener Bürgerstochter mit Schlägen hart traktiert. Wie üblich, müsse der Soldat nun mit einem Spiessrutenlauf bestraft werden. Aber er, der Leutnant, habe Bedenken, dass dies in der Rathausgasse zu viel Aufsehen erregen würde. Von Seilern befiehlt dem Leutnant, die Körperstrafe des Soldaten in der «hinteren Halden», also in der weniger belebten Kronengasse, vorzunehmen.

Das Spiessrutenlaufen ist eine harte militärische Leibstrafe, die bei unehrenhaftem Verhalten verhängt wird. Der Delinquent muss mehrmals durch eine Gasse seiner Kameraden schreiten, bis zum Gürtel entblösst. Diese versetzen ihm mit Haselruten Schläge auf den Rücken.

12.7.14

Die junge Marquise du Luc umschwärmt

Am Nachmittag nach der Konferenz macht von Seilern dem Grafen du Luc und seiner Schwiegertochter einen Besuch. Auch andere Gesandte machen im Bernerhaus ihre Aufwartung. Danach fahren die französischen Damen, unter ihnen auch die frisch verheiratete Marquise du Luc, in zwei Kutschen in die Bäder, Seilern fährt in seinem neuen Wagen hinterher. Unter der Linde lustwandeln sie über eine Stunde lang. Zurück in der Stadt, nimmt die Gesellschaft bei Saint-Contest das Nachtessen ein.

11.7.14

Im Bordell bestohlen

Einem Perückenmacher ist heute in einem Badener Freudenhaus eine grössere Summe gestohlen worden. Die Wirtin und ihre Mädchen haben sich aus dem Staub gemacht, Nachforschungen sind bisher erfolglos geblieben.

Die einschlägigen Absteigen zweifelhaften Rufs befinden sich an der Badhalde, dem steil abfallenden Strassenstück, das in der Fortsetzung der Römerstrasse in die Bäder hinunterführt. Aber es gibt auch mehrere Zelte bei der neuen reformierten Kirche, in denen während des Kongresses Liebesdienste angeboten werden.

10.7.14

Das Hochzeitspaar aus Paris

Bereits um acht Uhr morgens trifft der österreichische Botschafter Trauttmansdorff wiederum in Baden ein. Um neun beginnt die übliche Dienstagskonferenz auf dem Rathaus, du Luc ist wieder wohlauf und nimmt teil.
Das Mittagessen im Roten Turm vereint neben Seilern und Trauttmansdorff den Prince dʼAuvergne, den Prinzen von Sachsen-Saalfeld, den Landgrafen von Hessen-Rheinfels, den Felddoktor Haag (wohl aus dem Hauptquartier der kaiserlichen Armee, das zwischen Stadt und Bädern campiert) und einen fremden Kavalier. Um sechs fährt Seilern den Grafen von Trauttmansdorff in die Bäder hinunter, wo dieser sein Schiff nach Waldshut besteigt.

Nach fünfwöchiger Abwesenheit trifft der Sohn du Lucs, Gaspard-Madelon-Hubert (27), Oberst der französischen Armee, wieder in Baden ein. Am 5. Juni ist er nach Paris gereist, um zu heiraten. Ihm und seiner Frau Marie-Charlotte schickt der Vater eine sechs- und eine vierspännige Kutsche, mehrere Sänften und Reitpferde und zahlreiche Offiziere und Bedienstete entgegen. Abends um acht Uhr zieht das Hochzeitspaar durch das Bruggertor in die Weite Gasse ein.

8.7.14

Würfel suchen ist wie Trüffel suchen

Nach sonntäglichem Mittagsmahl gibt es heute eine besondere Badener Attraktion: Gegen Abend begeben sich die kaiserlichen Gesandten, die französischen Damen und weitere Offiziere und Bedienstete zum sogenannten Würfelplatz. Dieser liegt am nordöstlichen Fuss des Schlosses Stein, «im Gstühl». Hier lässt die noble Gesellschaft durch Knaben die sogenannten Badener Würfel suchen. Ob die Damen und Herren wissen, dass mit ihnen Schindluder getrieben wird?

Jahrzehnte zuvor sollen hier erstmals Würfel aus Knochen gefunden worden sein. Diese haben etwa einen Zentimeter Kantenlänge und sind auf den Seitenflächen mit einem bis sechs Punkten bezeichnet. Man interpretiert sie als Spielwürfel römischer Soldaten, aber es gibt davon bald immer mehr: Sie werden als Belustigung und Sammlerobjekt für die Badegäste hergestellt und vergraben. Und es wird behauptet, sie wüchsen hier.

7.7.14

Bücklinge auf dem Kirchplatz

Graf du Luc ist heute unpässlich, er bleibt der Konferenz fern. Als von Seilern nach der Messe die Pfarrkirche verlässt, treten ihm auf dem Kirchplatz die beiden jungen Grafen von Stühlingen entgegen und stellen sich ehrerbietig vor. Die beiden sind heute Morgen sechsspännig angereist. Von Seilern empfängt sie freundlich und lädt sie gleich zur Mittagstafel ein, samt ihren zwei geistlichen Hofmeistern, die sie auf ihrer Kavalierstour begleiten. Sie werden morgen wieder abreisen.