Von
der üblichen Konferenz um neun auf dem Rathaus will ich nicht berichten, weiss
eh nichts darüber. Heute erfährt die Stadt, dass du Luc Geburtstag hat. Und wie
er das feiert! Zu Mittag ist die Crème de la Crème bei ihm zum Mahl eingeladen,
und nach der Tafel, um fünf Uhr, begibt sich die hohe Gesellschaft, zusammen
mit anderen Gesandten, ins Schützenhaus auf der Schanze vor dem Bruggertor –
man wird den Ort später Theaterplatz nennen, weil das Schützenhaus gleichzeitig
das Stadttheater ist. Eine Komödie lässt du Luc hier aufführen, und jedermann
darf gratis zuschauen. Fremde köstliche Weine, Kaffee und Tee und andere
Getränke stehen für die Gäste bereit. Ein «Apéro riche» quasi. Und der erste
seiner Art in der Bäderstadt, könnte man vermuten.
Erleben Sie den Friedenskongress Tag für Tag. Der Badener Caspar Joseph Dorer führt für Sie Tagebuch.
18.6.14
17.6.14
Im Kräutergarten wird Kurköln restituiert
Heute
Sonntag bewirtet der Gesandte des Kurfürsten von Köln, Baron Karg, in seinem
Logement im Schwarzen Bären neben dem Stadtturm alle vier Spitzenbotschafter.
Madame de Saint-Contest und Madame de Martinville lassen sich in zwei
Tragsesseln vom Paradies herüberbringen. Die Mahlzeit fängt um 12 Uhr an und
dauert bis gegen 17 Uhr. Der kölnische Botschafter hat allen Grund, die
Bevollmächtigten gut zu behandeln: Es geht um nichts weniger als die
Wiedererlangung aller Rechte des Kurfürsten von Köln.
Das
Kapuzinerkloster, wo anfänglich nur die Franzosen zur Messe gingen und im
Garten lustwandelten, mausert sich zum Ort gemeinsamer informeller Gespräche: Nach
der schweren Mahlzeit wandeln die vier kaiserlichen und französischen
Ambassadoren im Kapuzinergarten und halten eine lange geheime Unterredung. Wird
hier Kurkölns Schicksal besiegelt?
16.6.14
Im Tragsessel zum Rathaus
Die
Vorbesprechung der Delegationen um acht Uhr wird offenbar zur Regel. Und die
Tragsessel werden wieder hervorgeholt: Du Luc geht so seinen Gichtschmerzen aus
dem Weg, und Saint-Contest findet Gefallen an den beiden kostbaren Tragsesseln,
die seine Frau mitgebracht hat: inwendig mit breiten Goldborten verziert,
aussen reichlich vergoldet und mit kostbaren Malereien versehen. Man munkelt,
diese Tragsessel hätten dem Dauphin und Madame la Dauphine gedient und seien
nach dem Ableben ihrer königlichen Majestät dem Seigneur de Saint-Contest geschenkt
worden, um bei dieser Gesandtschaft verwendet zu werden.
15.6.14
Mischen sich nun die Frauen ein?
Am
Vorabend im Kapuzinergarten müssen geheime Sachen diskutiert worden sein. Schon
um acht Uhr morgens besprechen sich die Kaiserlichen und die Franzosen getrennt
unter sich, bevor sie um neun mit der Gegenpartei auf dem Rathaus
zusammentreffen.
Wollen
Sie noch wissen, wer mit wem zu Mittag isst? Wir erfahren das ohnehin nur von
den Kaiserlichen; das französische Speisezimmer bleibt dem Tagebuchschreiber
wie so oft verborgen.
Von
Seilern besucht abends um sechs die gestern angekommene Madame de Saint-Contest.
Danach fahren Seilern und der Seigneur de Saint-Contest in die Bäder. Zwei
Damen folgen den Botschaftern in separater Kutsche, und bis gegen neun Uhr
unterhält man sich in den Bädern unter der Linde. Ist das reiner Smalltalk oder
muss man davon ausgehen, dass nun die Damen einen gewissen Einfluss auf die
Friedensgespräche nehmen?
Es
kommt zum späten Diner bei du Luc. Erst um 23 Uhr geht es für die Kaiserlichen nach
Hause. Französische Offiziere begleiten sie, und zwölf Lakaien leuchten mit
Windlichtern durch die stockdunkle Stadt – wie aufmerksam vom Gastgeber!
14.6.14
Verhandlungen geheim, Repräsentation öffentlich
Über
die Verhandlungen erfährt die Öffentlichkeit nichts. Heute sind die hohen
Herren Bevollmächtigten morgens das sechste Mal zu Gesprächen im Rathaus. Aus
der relativ guten Harmonie und dem unausgesetzten Fleiss der Botschafter kann
man nur schliessen, dass der Friede auf gutem Weg ist.
Was
sonst passiert in Baden, das ist darauf angelegt, öffentlich bekannt zu werden:
der Pomp, mit dem heute Graf von Goëss verschiedene neu eingetroffene
Botschafter zur Mittagstafel einlädt. Der Aufwand, mit dem Offiziere,
Bedienstete, Pferde und Kutschen der ankommenden Frau des Seigneur de
Saint-Contest entgegengeschickt werden. Die Nachmittagsvisite von du Luc bei
von Goëss. Und schliesslich der erste gemeinsame Abendspaziergang der
kaiserlichen und französischen Botschafter im Garten des Kapuzinerklosters!
13.6.14
Die Post hat Priorität
Heute
Mittwoch finden keine Verhandlungen auf dem Rathaus statt. Als Grund wird
angegeben, die deutsche Delegation habe sich um die Berichterstattung an den Kaiser kümmern müssen. Die kaiserliche Post ist denn auch heute nach Wien
abgegangen.
Allerorten
finden Höflichkeitsbesuche, Gespräche und offizielle Essen statt. Heute etwa war
bei Graf von Seilern der Propst des Klosters Wettingen nebst anderen Herren zu
Mittag.
12.6.14
Informeller Abendspaziergang in den Bädern
Vormittags
findet die übliche zweistündige Konferenz der kaiserlichen und der französischen
Bevöllmächtigten auf dem Rathaus statt. Gegen Abend finden sich zahlreiche
Diplomaten unter der Linde beim Hinterhof ein. Hier, in den Gartenanlagen
westlich des grossen Badgasthofes, spazieren und diskutieren sie miteinander. Oben
in der Stadt wird verhandelt, hier in den Bädern geht es informeller zu und
her. Der Graf du Luc lässt sich derweil zum Gesandten Lothringens tragen und
stattet ihm seine Visite ab.
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