Das
Zelt im Garten des Schnorff’schen Sommerhauses kann man offenbar mieten. Heute
ist der Monseigneur Passionei (32), der päpstliche Gesandte, Gastgeber. Wir
wüssten zu gern, wer den Auftrag für das Catering bekommen hat. Es ist ja kaum
anzunehmen, dass die Haushälterin des Pfarrers, wo Passionei eine Kammer
belegt, die feine Gesellschaft im Zelt bekocht. Verschiedene hohe
Kongressbesucher findet man abends im Theater, während von Goëss und
Saint-Contest sowie weitere Gesandte im Kapuzinergarten lustwandeln.
Erleben Sie den Friedenskongress Tag für Tag. Der Badener Caspar Joseph Dorer führt für Sie Tagebuch.
2.9.14
1.9.14
Vielleicht sogar Freundschaft
Da
sich die Vertragsparteien nun geeinigt haben, kann man freundschaftlicher
miteinander umgehen. Ein Ausdruck davon ist es, dass die kaiserlichen
Exzellenzen sich heute nicht die Messe in der Stadtkirche lesen lassen, sondern
sich samt ihrem Kaplan dazu in die Kapuzinerkirche verfügen, wo normalerweise
die Franzosen niederknieen. Und es scheint fast, dass die beiden jüngeren Hauptbevollmächtigten
beider Vertragsparteien, Saint-Contest (46) und von Seilern (39), einander gut
mögen. Es kommt nun schon zum wiederholten Mal vor, dass gerade diese beiden
sich zum Essen zusammensetzen.
Zu
vermelden ist auch, dass der glücklose Herzog von Montbéliard, der am Kongress
nichts erreicht hat und am 14. August abgereist ist, heute wieder in Baden
eintrifft. Hat er seine Zahnbürste vergessen? Nein, im Ernst: Das Spektakel,
das sich mit der Ankunft der beiden Kontrahenten Prinz Eugen und Marschall de
Villars ankündigt, ist zu attraktiv, um fernzubleiben. Besonders wenn man sich
erhofft, doch noch das eine oder andere Ohr für eigene Angelegenheiten zu
finden.
31.8.14
Die Unterzeichnung des Friedens wird vorbereitet
Heute
sind Aktivitäten im Gang, die ganz eindeutig dazu dienen, die Ankunft des
Prinzen Eugen und das genaue diplomatische Protokoll zu besprechen, das rund um
die Unterzeichnung des Friedensvertrags in Anwendung kommen soll. Von Seilern
bespricht sich ausführlich mit von Goëss, und beide empfangen nacheinander die
beiden jungen Fürsten von Ligne (28 und 29), die vorgestern eingetroffen sind
und als hohe Militärs quasi die Vorhut des Prinzen Eugen darstellen. Der
Empfang ist, obwohl sie aus dem eigenen Lager stammen, förmlich: Von Seilern
empfängt sie oben an der Treppe und geht mit ihnen ins Audienzzimmer.
30.8.14
Letzte Retouchen am Friedensvertrag
Von
Wien und Paris sind inzwischen die Kuriere des Friedensvertrags wieder in Baden
eingetroffen und haben aus den Hauptstädten Instruktionen mitgebracht. Es wird
nicht bekannt, ob am Vertrag nun noch letzte Korrekturen angebracht werden oder
ob es allein darum geht, das Prozedere der Unterzeichnung zu besprechen.
Jedenfalls treffen sich heute die kaiserlichen und französischen
Bevollmächtigten von neun bis elf Uhr auf dem Rathaus zur Konferenz. Danach
folgt der übliche Besuch der heiligen Messe.
In
der Wiese hinter dem Sommerhaus des Schultheissen Schnorff, das sich vor dem
Mellingertor befindet, hat man ein Zelt aufgestellt. Dort speist der Seigneur
de Saint-Contest mit seinen Damen zu Mittag. Nach vier Uhr nachmittags kommen
die kaiserlichen Exzellenzen hinzu. Man unterhält sich bis zur einfallenden
Nacht – ein schöner Sommernachmittag, auf den ein Nachtessen folgt: Von Seilern speist bei
Saint-Contest.
29.8.14
Prinz Eugen endlich unterwegs
Heute
kommen die beiden Fürsten Claudius (29) und Ferdinand (28) von Ligne und
Amblise in Baden an. Sie sind die ersten Vorboten Prinz Eugens, vor elf Tagen
in Wien abgereist. Sie nehmen Quartier im Gasthof zum Engel, neben dem
Bruggertor.
Endlich
soll heute auch Prinz Eugen, der römischen kaiserlichen und königlichen
katholischen Majestät wirklich geheimer Rat, Hofkriegsratspräsident,
Generalleutnant, des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation
Reichsfeldmarschall und so weiter und so weiter, Wien mit der Post verlassen
haben, um nach Baden zu kommen und die Generalfriedenshandlung vorzunehmen. Man
rechnet damit, dass Prinz Eugen in etwa einer Woche in der Kongressstadt
eintreffen wird.
28.8.14
Marschall de Villars nähert sich Baden
Schon
bald seit vier Wochen wird jetzt keine Konferenz mehr gehalten. Alles wartet
auf die Ankunft der zwei hohen Generäle, die das Friedenswerk unterzeichnen
sollen. Der französische Bevollmächtigte, Marschall de Villars (61), soll sich vor
einigen Tagen von Paris aus zu seinem Schloss Vaux-le-Vicomte begeben haben.
Dieses Landgut liegt südöstlich von Paris, noch 500 Kilometer von Baden
entfernt. Doch von dort aus habe de Villars die Reise nach Baden angetreten und
sei in der Nacht auf heute in der französischen Festungsstadt Hüningen angelangt. Das ist vor den Toren Basels
– noch 70 Kilometer bis Baden. Dort wahrt er Abstand; er will keinesfalls lange
vor Prinz Eugen eintreffen.
27.8.14
Eine Flasche Wein ist schäbig; man bringe acht Saum!
Neben
dem Herzog von St. Pierre und dem päpstlichen Gesandten Passionei sind fünf
Franzosen heute Mittag bei Graf von Seilern zu Gast, darunter einer, der als der
«disgracierte Poet» bezeichnet wird. Es handelt sich um Jean-Baptiste Rousseau
(43), der nicht mit seinem jüngeren Namensvetter Jean-Jacques (erst gerade 2
Jahre alt) verwechselt werden darf. Jean-Baptiste Rousseau ist einer der besten
französischen Lyriker seiner Zeit. Aber eben: er beschmutzt andere in seinen
Gedichten, seine Spottverse sind gefürchtet.
Spektakulär das Geschenk, das der Markgraf von Baden-Durlach heute
dem Grafen von Seilern macht: ein ganzes Fuder weissen und roten Markgräfler
Weins, acht Saum, das sind so um die tausend Liter!
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