Jetzt,
wo es kaum noch etwas zu besprechen gibt, kann nur noch vom Essen und von den
Belustigungen der Kongressteilnehmer berichtet werden. Eine bunte Reihe
verschiedener Gesandter isst im Roten Turm zu Mittag, 15 an der Zahl. Zum
Nachtessen lässt Graf du Luc den Herzog von St. Pierre und seine Gemahlin mit
Fackeln und Tragsesseln abholen. Das ist eine besondere Ehrerbietung an einen
diplomatisch unwichtigen, aber von seiner Abstammung her hochstehenden Gast.
Die beiden könnten gut zu Fuss gehen; die Distanz von ihrer Unterkunft zum
Bernerhaus beträgt keine hundert Meter.
Erleben Sie den Friedenskongress Tag für Tag. Der Badener Caspar Joseph Dorer führt für Sie Tagebuch.
8.8.14
7.8.14
Der Friedensvertrag auf der Post nach Wien
Es
täuscht nicht: Das Friedenswerk ist fertig. Gestern war gar nichts zu melden,
und heute Dienstag wird nicht mal mehr Konferenz gehalten. Um ein Uhr mittags
verlässt der Diener, der bei Graf von Goëss jeweils die Tafel deckt, mit der
letzten Post die Stadt Baden als Extrakurier nach Wien. Bei sich im Gepäck: das
versiegelte Instrumentum pacis, also der lateinische abgefasste Friedensvertrag,
adressiert an Prinz Eugen von Savoyen (51). Der in Frankreich aufgewachsene
Hochadlige und ruhmreiche Feldherr im Dienst des Kaisers sitzt im Zentrum der
kaiserlichen Politik; er präsidiert den Hofkriegsrat und die Geheime
Staatskonferenz. Er wird das Friedenswerk vom Kurier entgegennehmen und Ihrer
Kaiserlichen Majestät überreichen. Der Kaiser wird, so ist zu erwarten, danach
Prinz Eugen die Order erteilen, nach Baden abzureisen und dort den Vertrag zu
unterzeichnen. Man hofft auf die Ankunft von Prinz Eugen zu Ende des Monats
August.
Bis
dahin ist Warten angesagt, und Warten kann man am besten, wenn man sich gut
unterhält. So lädt der jugendliche Gesandte des Papstes, Domenico Passionei
(32), heute du Luc und andere Gesandte zum Mittagsmahl ins Kloster Wettingen
ein, während bei von Goëss im Wilden Mann ein anderes Bankett stattfindet.
5.8.14
Privataudienzen bei Graf von Seilern
Im
Roten Turm geben sich die Diplomaten die Klinke in die Hand: Nachmittags ist
der Herzog von St. Pierre über eine Stunde bei Graf von Seilern und bespricht mit
ihm seine Geschäfte. Danach gewährt Seilern dem Gesandten des Fürstbistums
Hildesheim eine Audienz. Hier geht es eigentlich um Politik für das bayrische
Haus Wittelsbach. Dieses hat eine ganze Reihe von deutschen Fürstbistümern
unter seinen Fittichen, darunter auch das Hochstift Hildesheim. Es geht um
nicht weniger als um die Restitution des Hochstifts an den wittelsbachischen Landesherrn
und Fürstbischof. Der junge Gesandte, Ernst Friedrich Freiherr Twickel (31),
entstammt westfälischem Adel und ist seit dem jugendlichen Alter von 25 Jahren
Domherr in Hildesheim.
4.8.14
Nicht mehr viel zu tun für den Friedensvertrag?
Auffällig wenig ist zu vermelden: gestern gar nichts und heute Samstag nur
gerade eine Spazierfahrt der französischen Damen nach Wettingen, der sich Graf
von Seilern anschliesst. Ein Stafettenkurier von Wien langt bei den
kaiserlichen Botschaftern ein, und, wie samstags üblich, ist morgens Konferenz
gehalten worden. Sind wohl heute die letzten Schnörkel am Friedensvertrag
angebracht worden?
2.8.14
80 Diplomaten in Baden
Heute
um acht Uhr trifft der venezianische Botschafter ein. Mittlerweile sind rund 80
Diplomaten und viele hundert Angehörige und Bedienstete in Baden.
Um
neun Uhr gehen die Hauptbevollmächtigten, wie gewöhnlich begleitet von Offizieren,
Pagen und Lakaien, zur Konferenz auf dem Rathaus. Üblicherweise benützen die
Kongressparteien dabei zwei verschiedene Eingänge des Rathauses: Die Kaiserlichen
nehmen die Tür auf der Seite der Stadtkirche, die Franzosen jene in der
Rathausgasse.
1.8.14
Diplomatie in den Residenzen
Bei
du Luc nimmt Seilern heute das Mittagessen ein. Die beiden gehen von dort zu
Saint-Contest ins «Paradies» und danach miteinander zu von Goëss in den «Wilden
Mann».
31.7.14
Ein Bankett der Spitzenklasse
Nach
der üblichen Konferenz lädt von Seilern die hochgestelltesten Persönlichkeiten
des Kongresses zu einem Mittagsmahl besonderer Klasse. 36 Speisen werden
zweimal aufgetragen. Und dann das Konfekt: Das Zuckerwerk präsentiert
verschiedenste Blumen und Obst, sodass die Tafel einem wohlriechenden
Blumengarten im Frühling gleicht. Zu trinken gibt es Tokajer Champagner,
Rheinischen Wein, Burgunder, Moselwein, Tiroler und Markgräfler Wein. Um die
hohen Gäste zu bedienen, sind über 80 Personen im Einsatz.
Um
ein Uhr beginnt das Essen, um vier Uhr ist es beendet, und es schliesst sich
ein Kartenspiel an. Von Seilern bittet die Gesellschaft, noch zum Nachtessen
bei ihm zu bleiben. Doch die Herrschaften bringen keinen Bissen mehr hinunter und
kehren um fünf Uhr nach Hause zurück.
Abonnieren
Posts (Atom)