Graf
du Luc ist heute unpässlich, er bleibt der Konferenz fern. Als von Seilern nach
der Messe die Pfarrkirche verlässt, treten ihm auf dem Kirchplatz die beiden
jungen Grafen von Stühlingen entgegen und stellen sich ehrerbietig vor. Die
beiden sind heute Morgen sechsspännig angereist. Von Seilern empfängt sie
freundlich und lädt sie gleich zur Mittagstafel ein, samt ihren zwei
geistlichen Hofmeistern, die sie auf ihrer Kavalierstour begleiten. Sie werden
morgen wieder abreisen.
Erleben Sie den Friedenskongress Tag für Tag. Der Badener Caspar Joseph Dorer führt für Sie Tagebuch.
7.7.14
6.7.14
Die Stadt ist bis unter die Dächer gefüllt
Heute
gibt es keine Nachrichten vom Kongress und dem Gesellschaftsleben. Es ist
Freitag und kein Konferenztag.
Nachdem
in den letzten Tagen laufend weitere Gäste angekommen sind, zuletzt am 4. Juli
einige Offiziere und Damen, die zum Gefolge des Herzogs von Montbéliard
gehören, ist in der Stadt Baden jetzt wohl jedes Zimmer ausgemietet. Die
Einheimischen haben Platz gemacht, Zimmer abgetreten und Nebenräume für
Bedienstete hergerichtet. Es dürfte ein gutes Geschäft sein, etwas vermieten zu
können. Auch andere Dienstleistungen werden von Badenerinnern und Badenern
erbracht: Wer stellt die Dienstleute, wer kocht, wer putzt, wer sorgt für
frische Lebensmittel?
5.7.14
Alles in normalen Bahnen
Heute
ist wie gewöhnlich Konferenz, und abends vergnügen sich verschiedene Hauptakteure
mit einigen Damen unterhalb des Kapuzinerklosters, in der Pfaffechappe.
4.7.14
Der Prinz von Sachsen-Saalfeld inkognito in Baden
Schon
vor einigen Tagen ist ein nobler Herr, der sich inkognito hält, im Gasthof zur
Waage an der Weiten Gasse abgestiegen, sieben Personen im Gefolge. Erst jetzt wird
er erkannt, als er dem Grafen von Goëss eine Visite gibt und vor dem Haus vom
Gastgeber laut vernehmlich tituliert wird: Es ist der Sohn des Herzogs von
Sachsen-Saalfeld, Prinz Christian Ernst (31). Er nimmt nicht eigentlich am Kongress teil, sondern macht
eine Reise nach Zürich und Einsiedeln und wird morgen wieder in Baden zurückerwartet.
3.7.14
Lothringen lädt ein
Nach
der Konferenz lädt der lothringische Gesandte die kaiserlichen und
französischen Bevollmächtigten zu einem Mittagsmahl ein, um sie für seinen
Standpunkt einzunehmen. Joseph le Bègue, Comte de Germiny, wohnt mit seiner
Gemahlin in der Stadtkanzlei, also direkt neben dem Rathaus.
2.7.14
Service à la française im kaiserlichen Quartier
Am
heutigen konferenzfreien Tag wird wieder mal ausgiebig getafelt. Von Seilern
hat alle drei anderen Hauptbevollmächtigten in den Roten Turm eingeladen, dazu
andere Gesandte und deren Frauen. Es wird der sogenannte Service à la française
zelebriert. Dabei werden in zwei Serien oder Gängen alle Platten und Schüsseln
auf den Tisch gestellt, 14 verschiedene Speisen sind es pro Gang. Auf einem
zweiten Tisch werden sogar 32 Speisen gleichzeitig aufgestellt und beim zweiten
Gang wiederum 32 unterschiedliche Gerichte aufgetragen. Danach wird Konfekt gereicht.
Von ein Uhr bis vier Uhr dauert das Mahl, und das ist noch nicht alles: Im
Vorzimmer werden daraufhin Kaffee und andere «vornehme Getränke» präsentiert.
1.7.14
Die erste reformierte Predigt im katholischen Baden
Heute
ist keine Konferenz gehalten worden. Wie man erfährt, ist der Friedensvertrag
schon weit fortgeschritten. Man unterhält sich nur noch über einige umstrittene
Artikel, in denen man aber auch bald Einigkeit zu erzielen hofft. Künftig will
man nur noch dienstags, donnerstags und samstags konferieren.
Während
die katholischen Kaiserlichen demonstrativ ein grosses Mittagessen halten –
Graf von Trauttmansdorff ist dafür extra aus Waldshut nach Baden gekommen – spielt
sich etwas ab, was für Baden gleichzeitig neu und provokativ ist: In der neuen
reformierten Kirche wird die erste Predigt gehalten.
Nach
erfolgreicher Belagerung haben 1712 die reformierten Zürcher und Berner den
Stolz der Stadt Baden zerstört: die 50 Jahre zuvor mit enormen Kosten ausgebaute
Festung Stein und andere Bestandteile der Stadtbefestigung. Aus dem gewonnenen
Baumaterial lassen die Reformierten zwischen Stadt und Bädern ein neues
Wahrzeichen bauen: eine reformierte Kirche. Neben dem Landvogt und dem
reformierten Teil der Kurgäste wohnen bislang keine Reformierten in Baden.
Die
Kirche kann nun also während des Kongresses eingeweiht werden. Der ersten
Predigt wohnen nicht nur zahlreiche hierfür angereiste Zürcher und Berner und neugläubige
Badegäste bei, sondern auch einige protestantische Gesandte, etwa jene von
Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt.
Zudem
findet heute der Wechsel in der Landvogtei statt: Der Zürcher Johann Rudolf Waser (48) reitet in Baden ein, ohne Pomp und ohne grosses Gefolge, wie es früher üblich
war. Er löst den Berner Hieronymus Thormann ab und zieht mit seiner Familie im
Landvogteischloss ein.
Abonnieren
Posts (Atom)