4.7.14

Der Prinz von Sachsen-Saalfeld inkognito in Baden

Schon vor einigen Tagen ist ein nobler Herr, der sich inkognito hält, im Gasthof zur Waage an der Weiten Gasse abgestiegen, sieben Personen im Gefolge. Erst jetzt wird er erkannt, als er dem Grafen von Goëss eine Visite gibt und vor dem Haus vom Gastgeber laut vernehmlich tituliert wird: Es ist der Sohn des Herzogs von Sachsen-Saalfeld, Prinz Christian Ernst (31). Er nimmt nicht eigentlich am Kongress teil, sondern macht eine Reise nach Zürich und Einsiedeln und wird morgen wieder in Baden zurückerwartet.

3.7.14

Lothringen lädt ein

Nach der Konferenz lädt der lothringische Gesandte die kaiserlichen und französischen Bevollmächtigten zu einem Mittagsmahl ein, um sie für seinen Standpunkt einzunehmen. Joseph le Bègue, Comte de Germiny, wohnt mit seiner Gemahlin in der Stadtkanzlei, also direkt neben dem Rathaus.

2.7.14

Service à la française im kaiserlichen Quartier

Am heutigen konferenzfreien Tag wird wieder mal ausgiebig getafelt. Von Seilern hat alle drei anderen Hauptbevollmächtigten in den Roten Turm eingeladen, dazu andere Gesandte und deren Frauen. Es wird der sogenannte Service à la française zelebriert. Dabei werden in zwei Serien oder Gängen alle Platten und Schüsseln auf den Tisch gestellt, 14 verschiedene Speisen sind es pro Gang. Auf einem zweiten Tisch werden sogar 32 Speisen gleichzeitig aufgestellt und beim zweiten Gang wiederum 32 unterschiedliche Gerichte aufgetragen. Danach wird Konfekt gereicht. Von ein Uhr bis vier Uhr dauert das Mahl, und das ist noch nicht alles: Im Vorzimmer werden daraufhin Kaffee und andere «vornehme Getränke» präsentiert.

1.7.14

Die erste reformierte Predigt im katholischen Baden

Heute ist keine Konferenz gehalten worden. Wie man erfährt, ist der Friedensvertrag schon weit fortgeschritten. Man unterhält sich nur noch über einige umstrittene Artikel, in denen man aber auch bald Einigkeit zu erzielen hofft. Künftig will man nur noch dienstags, donnerstags und samstags konferieren.

Während die katholischen Kaiserlichen demonstrativ ein grosses Mittagessen halten – Graf von Trauttmansdorff ist dafür extra aus Waldshut nach Baden gekommen – spielt sich etwas ab, was für Baden gleichzeitig neu und provokativ ist: In der neuen reformierten Kirche wird die erste Predigt gehalten.
Nach erfolgreicher Belagerung haben 1712 die reformierten Zürcher und Berner den Stolz der Stadt Baden zerstört: die 50 Jahre zuvor mit enormen Kosten ausgebaute Festung Stein und andere Bestandteile der Stadtbefestigung. Aus dem gewonnenen Baumaterial lassen die Reformierten zwischen Stadt und Bädern ein neues Wahrzeichen bauen: eine reformierte Kirche. Neben dem Landvogt und dem reformierten Teil der Kurgäste wohnen bislang keine Reformierten in Baden.
Die Kirche kann nun also während des Kongresses eingeweiht werden. Der ersten Predigt wohnen nicht nur zahlreiche hierfür angereiste Zürcher und Berner und neugläubige Badegäste bei, sondern auch einige protestantische Gesandte, etwa jene von Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt.

Zudem findet heute der Wechsel in der Landvogtei statt: Der Zürcher Johann Rudolf Waser (48) reitet in Baden ein, ohne Pomp und ohne grosses Gefolge, wie es früher üblich war. Er löst den Berner Hieronymus Thormann ab und zieht mit seiner Familie im Landvogteischloss ein.

30.6.14

Keine Lust zum Spazieren

Wiederum treffen sich die vier Hauptbevollmächtigten mit ihren Geheimsekretären um neun Uhr auf dem Rathaus, wonach um elf Uhr die Kaiserlichen in der Stadtkirche der heiligen Messe beiwohnen. Abends um sieben fahren die Damen Saint-Contest und Bergomi sowie der Prince dʼAuvergne in zwei Karrossen in die Bäder. Die kaiserlichen Exzellenzen von Goëss und von Seilern folgen zu Fuss, bleiben aber nur etwa eine halbe Stunde. Kommt beim Spazieren kein echtes Gespräch zustande oder ist schlechtes Wetter?

29.6.14

Der neue Wagen wiederum von den Frauen verschmäht

Heute Freitag ist das Fest der Heiligen Petrus und Paulus und deswegen keine Konferenz. Von Goëss feiert seinen Namenstag und lädt die Hauptbevollmächtigten und den gestern eingetroffenen Abbé Henri-Oswald (43), Prince d’Auvergne, den Dompropst zu Strassburg, zum Mittagessen ein.
Es scheint, als wollten die Damen einfach nicht in von Seilerns neuen Wagen einsteigen: Bei der abendlichen Spazierfahrt sitzen sie – Saint-Contest, Martinville und Bergomi – alle in du Lucs Kutsche, während von Seilern im eigenen, fast leeren Wagen hinterher fährt. Beide Kutschen sind mit je sechs Rappen bespannt.

Wiederum sind zwei Gesandte angekommen: der Botschafter des Bistums Speyer und der schwedische Gesandte. Letzterer ist einer der wenigen Diplomaten, die nicht in der Stadt, sondern in den knapp einen Kilometer entfernten Grossen Bädern logieren: Georg Bernhard Freiherr von Engelbrecht (56) stammt aus dem schwedisch-vorpommerschen Greifswald und nimmt im Hinterhof Quartier.

28.6.14

Von Seilerns neuer Wagen bleibt leer

Neben der üblichen Morgenkonferenz ist heute wenig los. Abends verfügt sich Saint-Contest mit seinem ganzen Hofstaat nach den Grossen Bädern, von Goëss und von Seilern kommen mit ihrem Gefolge nach. Mit du Lucs Wagen, bespannt mit sechs Rappen, lassen sich Madame de Saint-Contest und Madame de Bergomi, die Frau des Botschafters von Modena, ebenfalls in die Bäder hinunterfahren. Von Seilern hat seinen neuen Wagen auch angeboten, aber die Damen haben ihn beim Hinunter- und ebenso beim Hinauffahren einfach stehen lassen.